Wie westlich der Saale ein neues Wohngebiet entstand
Juli 1964. Westlich der Saale, zwischen den alten Dörfern Nietleben und Passendorf, rollen die ersten Bagger an. Das Versprechen der DDR-Staatsführung ist groß: In kürzester Zeit soll hier eine moderne, eigenständige Chemiearbeiterstadt für die Beschäftigten in Leuna und Buna entstehen. Mittendrin in diesem historischen Aufbruch steht eine junge Frau, die erst vor 3 Jahren ihren Fachschulabschluss als Tiefbauingenieurin gemacht hat: Helga Gärtner.
Geboren 1941, studierte sie von 1957 bis 1961 an der Ingenieurschule für Bauwesen Leipzig. Später absolvierte sie noch ein Fernstudium, das sie 1976 erfolgreich als Diplomingenieurin abschloss. „Schon in der Schule wurde mein Interesse an naturwissenschaftlichen Themen geweckt – auch mein erstes Studium war sehr praxisnah“, erzählt Helga Gärtner. „Meine Stelle in einem Planungsbüro in Halle wurde mir danach – wie damals für alle Absolventen üblich – direkt von der Schule vermittelt. Aus diesem Büro heraus wurde ich 1964, zusammen mit anderen Mitarbeitern, zum neu gegründeten Büro des Chefarchitekten delegiert. Es war schon etwas Besonderes, Teil dieses Teams zu sein.“
Keine Allerweltsstadt aus dem Baukasten
Geleitet wurde dieses Team von Richard Paulick. Er war der Chefarchitekt von Halle Neustadt – und hatte Großes vor. Hier sollte ein sozialistische Planstadt entstehen. „Aber dank Paulick eben nicht nach einem einfallslosen kompletten Einheitsprinzip“, so Helga Gärtner. Das kann Thomas Dietzsch nur bestätigen. Er ist Architekt in Halle und ein Kenner der einstigen Planstadt. Dietzsch erklärt: „Halle-Neustadt zeigt über die Zeit der Entstehung die Entwicklung verschiedener Gebäudetypen auf. Neben den zumeist 5-geschossigen Zeilen entstanden 11-Geschosser, die teilweise zu langen Einheiten gekoppelt wurden und dadurch moderne urbane Räume bilden“, erklärt Dietzsch. „Hinzu kamen Punkt- und Y-Häuser, diese waren auf der Grundlage der bei den Zeilen verwendeten Gebäudeeinheiten entwickelt worden. Und auch für Schulen, Kindergärten, Sport- und Kaufhallen gab es Typenbauten.“ Für die Bereiche im Zentrum seien zudem oft individuelle Lösungen gesucht wurden. „Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die zumeist für Sportbauten verwendeten HP-Schalen.“ Halle-Neustadt war eben nicht nur Block an Block. Und so fasst Dietzsch zusammen. „Richard Paulick ging es nicht allein darum, möglichst viele Wohnungen zu errichten. Sein Anspruch war es, eine Stadt mit guter Lebensqualität zu schaffen – mit kurzen Wegen zu Schulen und Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten, Kunst im öffentlichen Raum sowie großzügigen Freiflächen.“ Und natürlich Komfort in den Wohnungen: Warmwasser aus der Leitung und helle freundliche Wohnräume.
Und so war es nur selbstverständlich, dass in den ersten Häusern nicht nur die Planungsbüros platziert wurden, sondern auch die ersten Wohnungen mit den Familien bezogen wurden. Eine der Bewohnerinnen, die 1965 das Haus bezog, lebt noch heute dort. „Wir kamen aus einer Altbauwohnung ohne Warmwasser und mit Kachelofen – auch wenn hier noch einiges zu tun war. Es fühlte sich nach Luxus an.“ Neben dem Wohnkomfort entstand zudem eine einzigartige Hausgemeinschaft, die bis heute hält. Auch das ist Halle-Neustadt.
Der „Mann von Welt“
Dass dies alles gelang, lag maßgeblich an seinem Chefarchitekten. „Prof. Paulick war ein Mann von Welt – und das spürte man, wie er arbeitete und wie er entschied“, berichtet Helga Gärtner. Paulick hatte bereits in Shanghai, Berlin und anderen Orten gearbeitet und nahm diese Erfahrungen mit nach Halle. Wenn er aus Berlin in die Saalestadt reiste, jagte eine Besprechung die nächste. „Paulick hatte zwar eine klare Vision, schätzte aber trotzdem die Meinung anderer“, erinnert sich Helga Gärtner. Sie beschreibt Paulick als einen Mann von immenser Kompetenz, der gleichzeitig tief menschlich, sympathisch und visionär blieb.
Das Erinnern nicht vergessen
Das Konzept ging auf: Bis zur Wende war Halle-Neustadt für seine Bewohner ein Ort modernen Wohnens, den die Menschen für seine kurzen Wege und das grüne Umfeld liebten. Mit dem politischen und wirtschaftlichen Umbruch nach 1989 änderte sich die Dynamik jedoch grundlegend: Die Chemieindustrie brach ein, die Stadt schrumpfte drastisch und viele Blocks wurden zurückgebaut. Helga Gärtner jedoch ist geblieben – seit über 50 Jahren. Bis heute liebt sie ihr Viertel. „Der Grundgedanke, für Menschen einen Lebensraum zu schaffen, der Rückzug und Gemeinschaft verbindet, ist ja bis heute in Halle-Neustadt sichtbar.“ Und so ist es sie, die gemeinsam mit Olaf Gorgas auch das Erinnern hochhält. Zum Beispiel durch jene Gedenktafel, die an das Wirken und die Vision von Richard Paulick erinnert. Oder Olaf Gorgas` Projekt digitale Erinnerungskarte von Halle-Neustadt, welches sie unterstützt. „Denn nur wenn wir das Vergangene nicht vergessen, können wir auch die Seele dieses Viertels bewahren.“