Entdeckungen

Das Erbe weiterdenken: Halle-Neustadt zwischen Denkmalschutz und Zukunft

Wer an Denkmalschutz denkt, hat meist alte Kirchen oder charmante Fachwerkhäuser vor Augen. Doch seit 2024 steht auch ein Großteil von Halle-Neustadt unter Denkmalschutz. Auf den ersten Blick scheint das überraschend. Für Peer Strauch, Bereichsleiter Bautechnik bei der GWG, ist es eine logische Konsequenz. „Halle-Neustadt ist eine einzigartige und nahezu vollständig erhaltene Stätte der deutschen Nachkriegsmoderne, in der das Verständnis der sozialistischen Stadtplanung beinahe vollständig mit industrieller Bauweise in serieller Vorfertigung verwirklicht wurde. Dies jetzt mit dem Denkmalschutz zu würdigen, ist ein großes Zeichen für diese einzigartige Arbeit der Stadtplaner, Architekten und Ingenieure und bedeutet für uns vor allem eins: ganz viel Zukunft.“

 

Der Weg in diese Zukunft ist seit den 90er Jahren jedoch nicht mehr ganz so rosig. Die goldenen Boom-Zeiten der DDR sind vorbei, und in den letzten Jahren wurde viel über Abriss und neue Wohnkonzepte gestritten. Dass gerade in dieser Zeit Halle-Neustadt unter Denkmalschutz gestellt wurde, ist für das Quartier ein klares Signal für den Erhalt und ein wichtiges Bekenntnis zu seinem Wert. „Neustadt war ein einzigartiges Projekt, welches nach Ideen der klassischen Moderne mit den Mitteln der DDR umgesetzt wurde – und das ist unter den Bedingungen wirklich etwas Großes“, so der Hallenser Architekt Thomas Dietzsch. „Eine wesentliche Rolle fiel dabei dem Chefarchitekten Richard Paulick zu, einem Bauhaus-Schüler, der nach einem Ausflug in die Stalingotik bei seiner Mitwirkung an der Berliner Stalinallee in Halle-Neustadt wieder zur klassischen Moderne zurückfand.“ 

Diese Bedeutung unterstreicht Maria Friedrich von der Stadtverwaltung Halle, Abteilung Denkmalschutz: „Halle-Neustadt ist in der gesamten städtebaulichen Konzeption als Stadtneugründung nach den damaligen sozialistischen Wertevorstellungen einzigartig. Gerade der Anteil von Stadtgrün und Kunst im öffentlichen Raum hat Halle-Neustadt schon immer einen besonders lebenswerten Charakter verliehen.“ Der Denkmalschutz ist hier also die logische Folge. Doch wie gelingt es, etwas zu bewahren, was sich verändern muss, weil es sonst schrumpft?  

Ein Gesetz für die Zukunft – nicht für das Museum 

Die Antwort von Peer Strauch ist einfach: einander zuhören und abwägen. „Wir haben in den letzten Jahren viele Gespräche mit dem Denkmalschutz geführt“, erklärt Strauch. „Beiden Seiten ist klar: Wenn Halle-Neustadt weiterleben will, darf es nicht zum starren Museum werden.“ 

„Geben und Nehmen“, nennt das auch Maria Friedrich. „Ein ungenutztes Gebäude verfällt im schlimmsten Fall – das liegt nicht im Sinne des Denkmalschutzes. Gerade bei bewohnten Gebäuden müssen wir die Nutzung sinnvoll und zeitgemäß gestalten.“ Friedrich nennt Stichworte wie Barrierearmut, Grundrissanpassungen und Balkone, um die Wohnungen vor dem Leerstand zu bewahren. Genau dort setzen GWG und Denkmalschutz gemeinsam an. 

Um das Viertel zukunftsfähig zu halten, sind diese Investitionen unumgänglich. Das bedeutet: Balkone oder Freisitze. Für die entsprechende Barrierefreiheit braucht es Aufzüge. „Uns ist total bewusst, dass wir damit die historischen Sichtachsen verändern“, erklärt Strauch. „Aber genau darüber sprechen wir sehr offen mit dem Denkmalschutz.“ Maria Friedrich bestätigt das: „Gerade bei diesem konkreten Thema gab es bereits Vorabstimmungen mit der GWG. Es wurden gemeinsam Lösungsvorschläge erarbeitet, die sowohl aus Nutzerperspektive sinnvoll sind und sich zugleich durch die Lage im Gebäude, Material- und Farbauswahl in das Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Objektes einfügen.“ 

Zwischen Hausgemeinschaft und individuellem Wohnen 

Hinter den Kulissen geht es aber um mehr als nur um Fassaden – die größte Herausforderung für die Zukunft liegt in der demografischen und kulturellen Veränderung des Viertels. „Die bunte Durchmischung und die verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen Bewohnergruppen verlangt von den Wohnungen enorme Vielfalt“, so Strauch. Halle-Neustadt wird älter, internationaler und das Budget fürs Wohnen knapper. Für die GWG heißt das: weiterdenken. „Richard Paulicks Idee war für die damalige Zeit absolut gelungen: Wohnraum zu schaffen, kurze Wege, gemeinsame Nutzungsflächen. Einiges davon hat sich bis heute gehalten, doch gewisse Dinge – zum Beispiel der Wunsch nach mehr Individualität oder die Vergrößerung der Wohnfläche – müssen an die heutigen Bedürfnisse angepasst werden.“ 

Spannenderweise hilft den Planern dabei ausgerechnet die oft kritisierte Uniformität innerhalb eines Wohnkomplexes. Weil die Grundrisse standardisiert sind, lässt sich der Wohnraum schnell verändern. Um junge Familien anzuziehen, baut die GWG derzeit beispielsweise in der Traberstraße zwei 3-Raum-Wohnungen zu großzügigen 5-Raum-Wohnungen um. Beim Umbau in der Azaleenstraße ist man noch einen Schritt weiter gegangen: Hier sind moderne Grundrisse mit Dachterrassen und Mietergärten entstanden. 

Lebensqualität und bezahlbaren Wohnraum sichern 

Bei all diesen Neuerungen geht es darum, den Kern von Halle-Neustadt zu bewahren: lebenswerten Wohnraum für viele Menschen zu bieten, der bezahlbar bleibt und aus seiner reichen Geschichte eine starke, neue Identität schöpft. Gerade in Zeiten explodierender Mieten in den Großstädten liegt hier eine riesige Chance für das Viertel, wieder zu wachsen. „Als jemand, der in der Nachwendezeit in Halle-Neustadt großgeworden ist, wünsche ich mir für meine Heimat Stabilität und eine hohe Lebensqualität“, so Maria Friedrich. „Den negativen Imagewandel nach der Wende habe ich selbst miterlebt und hoffe nun, dass auch der Denkmalschutz zur Wertsteigerung dieses vielschichtigen und spannenden Stadtteils einen Teil beitragen kann.“  

Dass das Bewahren dieser Identität kein rückwärtsgewandter Blick ist, zeigt ein Blick auf die Gegenwart. Denn die Grundidee der Großsiedlung ist aktueller denn je. „In Städten wie München oder Köln werden heute neue Siedlungen auf dem Feld gebaut – die letztendlich auch nichts anderes als moderne Plattensiedlungen sind“, so Thomas Dietzsch. „Sie werden nur individueller und großzügiger gebaut. Ihren Ursprung haben sie aber in Plattenbausiedlungen wie Halle-Neustadt.“ Strauch ergänzt abschließend: „Wenn es uns als GWG gelingt, diesen Wohnraum hier zukunftsfähig zu gestalten und gleichzeitig den historischen Moment zu bewahren, dann kann in Halle-Neustadt die Lebendigkeit der Vergangenheit auch die Zukunft bestimmen.“ 

 

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Welche Gebäude, Kunstwerke im öffentlichen Raum und Grünanlagen im Detail unter Denkmalschutz stehen, lässt sich interaktiv erkunden. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt bietet dafür eine detaillierte Übersichtskarte aller geschützten Objekte. Schauen Sie doch mal rein!

Denkmäler in Sachsen-Anhalt

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